Die USA sind eine Oligarchie und keine Demokratie

TFF BÜCHERTIPP: Claus-Jürgen Göpfert – Die Hoffnung war mal grün / Westend-Verlag

 

Büchertipps, Europapolitik, Deutschland
von The False Flag


Was wird aus den GRÜNEN? Ein Blick zurück nach vorn

Um zu verstehen, was die Grünen heute treibt, muss man ihre Wurzeln und frühen Auseindersetzungen kennen. In Frankfurt fing alles an. Hier lernten sich in den 1970er Jahren die späteren GRÜNEN Joschka Fischer, Jutta Ditfurth und Daniel Cohn-Bendit beim Kampf gegen Atomkraftwerke kennen. Hier trugen Fundi-Ökologen und Realos ihre hitzigen Debatten aus und entwickelten die Grundlagen für die erste rot-grüne Landesregierung mit „Turnschuhminister Fischer“ 1985 in Hessen und die erste rot-grüne Stadtregierung 1989 im Römer. Claus-Jürgen Göpfert erzählt von dieser Zeit des Aufbruchs. Von großen Hoffnungen und bitteren Enttäuschungen. Er hat mit Joschka Fischer, Jutta Ditfurth, Daniel Cohn-Bendit und vielen prägenden Personen dieser Zeit gesprochen. Ein authentischer wie bilderreicher Rückblick, der auch die Frage nach der Zukunft der Grünen und ihrer Rolle bei der Bundestagswahl 2017 stellt.

Über den Autor:

Claus-Jürgen Göpfert, geboren 1955 in Wiesbaden, Studium der Politologie, Soziologie und Volkswirtschaft in Frankfurt und Köln, schreibt seit 1980 über Politik und Kultur in Frankfurt und anderswo, seit 1985 für die Frankfurter Rundschau.

Die Hoffnung war mal grün

Warum Frankfurt ein wichtiges Versuchslabor für “Die Grünen” und ihre Bundespolitik war

Sie kämpften für Umweltschutz und gegen den Ausbau des Frankfurter Flughafens – und hatten sehr schnell politisch Erfolg: Vor 35 Jahren zogen die “Grünen” das erste Mal in Frankfurts Stadt-Parlament ein.


(© hr | hauptsache kultur, 29.09.2016)

Kritisch beäugt von den etablierten Parteien, begannen sie von hier aus ihr Projekt, erst Hessen und dann die Bundesrepublik umzukrempeln.

Frankfurt war in den Sechzigern und Siebzigern eine Stadt, in der es brodelt. Bürger begehren gegen Staat und Kapitalismus auf. Aus diesem Protest erwächst eine neue politische Kraft: “Der Kern der Grünen in seiner Mischung hatte eine Grundüberzeugung: Wir wollen diese Welt verändern”, sagt Jutta Ditfurth, Mitbegründerin der Grünen. Und Daniel Cohn-Bendit, ehemaliger Grünen-Europa-Abgeordneter, fügt hinzu: “Wenn es die Grünen nicht gegeben hätte, dann hätte es ein Loch in der deutschen Demokratie gegeben.”

 
Claus-Jürgen Göpfert – Die Hoffnung war mal grün / Westend-Verlag
Die Hoffnung war mal grün. Aufstieg einer Partei – Das Frankfurter Modell
Westend Verlag

Wie kam es zum Aufstieg dieser Partei und wer war in Frankfurt maßgeblich dafür verantwortlich?

“Je prominenter die Beteiligten sind, desto mehr neigen sie dazu, ihre eigene Rolle zu verklären. Und da muss man einfach ein bisschen dagegenhalten”, erklärt Claus-Jürgen Göpfert, Journalist der “Frankfurter Rundschau” und Autor des Buches Die Hoffnung war mal grün. Aufstieg einer Partei – Das Frankfurter Modell”.

Dagegenhalten: Genau das macht Claus-Jürgen Göpfert in seinem neuen Buch. Der Journalist wollte aufräumen mit Mythen, wollte wissen, wie wurde aus der Protestbewegung eine Partei.
 
“Kampf um eine kollektive und persönliche Autonomie”
Eine Schlüsselfigur ist Daniel Cohn-Bendit. Er war führender Kopf der Studentenproteste. Auch in Frankfurt. Der “Rote Dany” war zuvor aus Frankreich wegen revolutionärer Aktionen ausgewiesen worden: “Wir hatten andere Lebensvorstellungen als die Mehrheitsgesellschaft oder wie die Eltern von vielen sich das vorgestellt haben”, erinnert sich Cohn-Bendit. “Das war der Kampf um eine kollektive und persönliche Autonomie.”
 

APO im Häuserkampf

Keine staatliche Bevormundung mehr. Beim Kampf gegen die Notstandsgesetze – und bei den Studentenprotesten 1968 formt sich der Ur-Gedanke der Grünen. Frankfurt wird zu einem geistigen Zentrum der Kapitalismuskritik. Sie nennen sich “außerparlamentarische Opposition”, wollen die Revolution auch in die Fabriken bringen. Einige Galionsfiguren der späteren Grünen sind hier schon mit dabei.

Der Kampf gegen den Kapitalismus wird in den Siebzigern im Frankfurter Westend geführt. Viele, die später grün wählen werden, besetzen Villen, um sie vor diesem Schicksal zu bewahren.

“Frankfurt galt damals als unregierbare Stadt in den 70er Jahren”, sagt Göpfert. “Und es gab ja diese berühmten Worte wie Bankfurt oder Krankfurt. Das heißt, hier gab es einen sehr hohen Druck des Kapitals. Da entstand aber auch der entsprechende Protest gegen diesen Kapitalismus.”

 
 

Startbahn West als “Startbahn” für die Grünen

Der wird immer heftiger. Und die Politik? Sie greift wie gewohnt hart durch. Der Wunsch nach einer Partei, die sich basisdemokratisch für die Rechte der Bürger einsetzt, wird immer größer. Und findet seinen Höhepunkt bei den Protesten 1980 gegen die Startbahn West. Wirtschafts-Interesse: Flughafenausbau! Gegen Bürger-Interesse und Umweltschutz. Die Stunde der Grünen ist gekommen.

“Und was man heute auch kaum noch weiß: dass die Bewegung gegen die Startbahn 18 West auch mal über 200.000 Menschen auf die Beine gebracht hat. Diese Menschen haben alle 1981 zum ersten Mal grün gewählt, als nämlich die Grünen zum ersten Mal für die Parlamente der Gemeinden und Kommunen kandidierten”, so Göpfert.

 
 

Kampf gegen Atomkraft und für Frieden

So kam auch Jutta Ditfurth in den Frankfurter Römer. Die Ur-Grüne kämpfte gegen Atomkraftwerke und in der Friedensbewegung. 1984 besetzte sie mit anderen Grünen die Frankfurter Friedensbrücke. Diese war von der US-Army mit Minen versehen und sollte im Kriegsfall gesprengt werden.

“Und wir sind hinten an einer Leiter, die es damals gab, das sah alles etwas anders aus, die ist jetzt total saniert, sind wir hoch”, erinnert sich Ditfurth. “Wir sind dann jeweils zu zweit oder zu dritt vor jede Sprengkammer und haben die, ja, wie die Maurer zugemauert. Und dann haben wir, wir waren ja im Parlament, einen anständigen Antrag gestellt, dass wir möchten, dass diese Friedens-Sprengkammern zugemauert bleiben.”

“Damit kriegst du höchstens ‘nen Krötentunnel”

Früher organisierte sie Aktionen für den Frieden, doch bald wird sie zur größten Kritikerin der Grünen: “Es ist einfach so: Eine linksoppositionelle, emanzipatorische Politik wie unsere, die geht nicht auf diesem Weg: Werde bürgerlich, geh in eine Partei, geh in ein Parlament, suche dir von den anderen Parteien Mehrheiten, eines Tages stimmen sie dir zu. Damit kriegst du höchstens ‘nen Krötentunnel über die Straße, ja”, erklärt sie ihren Wandel
 

Minister in Turnschuhen

Koalieren oder Fundamentale Opposition? Es ist der Streitpunkt der jungen Partei. Realos und Fundis liefern sich erbitterte Gefechte: “Die einen wollten nur Parlamente als Tribüne benutzen, während wir gesagt haben: Wenn schon, denn schon. Dann hat es nur einen Sinn, wenn wir uns beteiligen an der Gestaltung anderer Mehrheiten”, so Daniel Cohn-Bendit.

Joschka Fischer mit Turnschuhen zum Ministerposten: Das geht in die Geschichte ein. 1985 werden die Grünen Regierungspartei in Hessen. Erstmals regiert rot-grün in einem Land. Bis heute hält sich der Glaube, Joschka Fischer hätte zu den Gründern der Grünen Bewegung gehört.
Falscher Mythos, sagt Claus-Jürgen Göpfert. Fischer trat erst zwei Jahre nach der Gründung, 1982, in die Partei ein. Hier im Westend im ehemaligen Rothschildschen Pferdestall: “Damals wurde die Sitzung geleitet von Jutta Ditfurth und sie hat ihn dann tatsächlich in die Partei aufgenommen”, so Göpfert, der seit 1980 als Journalist über die “Grünen” berichtet. “Und sie sagt also heute: Das war ein großer politischer Fehler.”

“Wir haben die Naivität von Bürgerinitiativen mitgebracht”, so Ditfurth. “Und konnten uns nicht vorstellen, dass Leute, die sich selber damals ja noch als Linksradikale verkauften – ich sag’s jetzt doch – so korrupt waren.”




Die Grünen auf Kuschelkurs

1991 kam der Bruch. Ditfurth geht, die Realos haben gesiegt. Und machen Karriere. Die Politik der Grünen, sie basierte damals auf linkem Idealismus, Bürgerinitiativen, dem Umweltschutz und der Opposition gegen das Establishment.

Was ist davon geblieben? Wieder sind Hessens Grüne Vorreiter einer Koalition. Schwarz-Grün. Die CDU – früher der politische Feind. Heute geht man auf Kuschelkurs, selbst bei Themen wie dem Flughafenausbau.

“Sie haben sich zu weit von den sozialen Bewegungen, von den Bürgerinitiativen entfernt”, sagt der Buchautor. “Sie haben sich zu sehr in die bürgerliche Mitte bewegt. Sie haben sich zu sehr als Stellvertreter auch der Wirtschaft verstanden. Und das ist ihnen auch von den Wählerinnen und Wählern übel genommen worden.”

Göpfert wird die Geschichte wohl weiter schreiben müssen, denn wieder steht die Politik vor großen Herausforderungen. Welche Rolle die Grünen dabei spielen, wird auch davon abhängen, wie stark sie sich auf ihre Ideale von damals zurückbesinnen.

Autor: Simon Broll


Quellen:

Comments

comments

Kommentar hinterlassen

Antworten

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.


*



*

Unsere aktuellsten Beiträge